Richard Winter – „Der letzte Mohikaner“: Zum 100. Geburtstag von Gramola

Gramola-Chef Richard Winter vor dem "Nipper"-Bild mit zwei herausragenden Klassik-Aufnahmen: Bruckners Symphonien unter Rèmy Ballot auf CD und Mozarts "Don Giovanni" unter Carlo Maria Giulini mit Eberhard Wächter auf Vinyl © Thomas Rauchenwald

Im April 1977, damals noch keine zwölf Jahre alt, besuchte ich mit meiner Tante aus Niederösterreich zum ersten Mal in meinem Leben den mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden, nach Entwürfen des Architekten Dagobert Peche im schönsten Jugendstil eingerichteten, traditionsreichen Schallplattenladen am Graben 16 in der Wiener Innenstadt. Wo damals die Hörkabinen eingerichtet waren und Richard Winter die Schallplatten zum Probehören aufgelegt hatte, traf ich, Betreiber von SIMPLY CLASSIC und jahrzehntelanger Stammkunde, denselben, Chef vom Klassik Spezialhaus Gramola seit 1973, nunmehr anlässlich des 100. Geburtstages des 1924 gegründeten Geschäftes, das mittlerweile als eines der letzten seiner Art überhaupt noch Bestand hat, am 5. Dezember 2024 zum Gespräch. Es ist vor allem ein Gespräch mit dem 79 Jahre jungen Doyen und Grand Seigneur des Tonträgerhandels über 100 Jahre Tonträgergeschichte geworden.

Der von jeher auf Klassik spezialisierte Richard Winter erzählt zunächst, dass die Firma Gramola 1924 als Einzelhandelsunternehmen und Vertrieb von „Gramola“, einem englisch-tschechischen Plattenlabel, gegründet wurde. Ein genaues Datum lässt sich nicht mehr eruieren. Zu Recht stolz ist er auf eines von zwölf Bildern des einem Grammofon lauschenden Hundes namens „Nipper“, Markenzeichen des Musiklabels „His Master’s Voice“. Das Unternehmen war seit 1924 Generalvertreter von Gramola und von His Master’s Voice (HMV), beide Labels wurden von der Firma betreut. In den 1930er-Jahren kam EMI, die deutsche Tochter von HMV, nach Österreich und übernahm die Generalvertretung von HMV, den Hund hat Gramola aber nicht mehr hergegeben (Anmerkung: Emil Berliner, der Erfinder der Schallplatte, hatte die Bilder beim Maler Francis Barraud in Auftrag gegeben.).

Wirtschaftskrisen haben auch Gramola immer wieder getroffen. Die Tonträgerbranche überhaupt wurde schon oft totgesagt. Der tschechisch-britische Plattenerzeuger Gramola machte 1929 eine Pleite, Richard Winters Familie übernahm das Label, das Geschäft hat im Gegensatz zu vielen anderen in der Branche überlebt.

Schallplatten wurden dann nach dem Krieg wieder gekauft, weil die amerikanischen Besatzungssoldaten ihre Musik hören wollten. Und Ende der 1940er-Jahre kam dann die Langspielplatte nach den Schellack-Platten, was dazu geführt hat, dass Gramola den Geschäftsdiener nicht mehr gebraucht hat, der noch bis Anfang der 1950er-Jahre KundInnen mit zwei Taschen voll von schweren Schellack-Operngesamtaufnahmen nach Hause begleitet hat. Die Geschichte der Plattengeschäfte war in weiterer Folge richtig rosig, 1964 gab es in Österreich 450 Plattengeschäfte. Heute gibt es neben Gramola in Wien nur noch am Residenzplatz in Salzburg ein gut sortiertes Klassik-Geschäft.

Richard Winters Vater starb sehr früh, nach dem Krieg führten seine Großeltern das Geschäft weiter, bis er es 1973 vom Großvater übernommen hat. Doch die Szene veränderte sich rasch. Nur einige kleinere Plattengeschäfte – sämtlich Spezialisten – überlebten die neuen großen Anbieter. Und auch die Langspielplatte selbst wurde, anders als in Jazz und Pop, im klassischen Bereich zur Rarität, abgelöst von der CD, wie er weitererzählt, weil alle HörerInnen ihre ganzen Sammlungen auf die kleine Silberscheibe umgestellt haben, angeregt dazu vom technikaffinen Herbert von Karajan. Von einem Geschäft wie dem seinen wird von den KundInnen erwartet, dass es bis zu 50.000 Tonträger auf Lager hat – von vielen klassischen Aufnahmen mehrere Varianten, von unterschiedlichen Dirigenten, Interpreten, Konzertsälen und Opernhäusern, was schon räumlich mit Vinyl unmöglich ist.

Qualität, riesige Auswahl, Kompetenz und Beratung stehen bei Gramola bis heute an erster Stelle, was Garanten des Erfolges darstellen. Gramola geht aber auch mit der Zeit, ist im World Wide Web präsent – bis hin zum Streaming. Als eines der letzten eigentümergeführten Einzelhandelsgeschäfte am Graben wird es von den KundInnen überaus wertgeschätzt.

Die Tonträgerbranche wird laut Richard Winter nicht sterben, vor allem junge Leute erwerben wieder Platten. Schallplatten, von denen wieder mehr verkauft werden im Zuge eines regelrechten Booms auf Vinylscheiben, CDs und Streaming werden weiterhin nebeneinander Bestand haben, davon ist Richard Winter überzeugt, das Downloading von Musik spielt im Grunde keine Rolle (mehr). Er selbst ist ein Verfechter der Vorzüge der Compact Disc, die er gerne auf einem Röhrenverstärker hört, überzeugt von deren reinen Klang, praktischen Handlichkeit und hohen Speicherkapazität. Sein Sohn hingegen ist mittlerweile konvertiert und schätzt die Vinyl-Scheibe wieder höher ein. Wirtschaftlich von Vorteil ist aber auch, dass Richard Winter selbst, mittlerweile seit mehr als zehn Jahren in Pension, keine finanziellen Mittel aus dem Unternehmen herausnehmen muss.

Die KundInnen und überhaupt Leute, die Komponisten kennen und schätzen, brauchen, so Richard Winter, seiner Meinung nach eine physische Evidenz ihrer kulturellen Verfasstheit: CD oder Platte müssen sie haben, nehmen sich Zeit zum Zuhören und nehmen die Musik wertschätzend wahr, hingegen, wenn ein pro Monat wesentlich billigeres Streaming-Abo bei ununterbrochener Berieselung genutzt wird, befördert das nur die Beiläufigkeit des Hörens.

Ein wesentlicher Bestandteil des Unternehmens Gramola ist heute auch die Eigenproduktion von CDs. ExklusivkünstlerInnen sind beispielsweise der Dirigent, Celibidache-Schüler und Bruckner-Spezialist Rèmy Ballot mit einem vielfach prämierten Bruckner-Zyklus, mit ihm ist in weiterer Folge ein Richard-Strauss-Zyklus, sowie mit dem kleinen Orchester Klangkollektiv Wien die Komplettierung der Schubert-Symphonien geplant, weiters der Pianist Boris Bloch in Kooperation mit dem Liszt-Festival in Raiding, neuerdings auch der Bassist Günther Groissböck sowie Agnes Palmisano, eine österreichische Musikerin im Genre des Wiener Dudlers.

Die Kosten einer CD-Aufnahme beziffern sich mit EUR 3.500 bis EUR 4.000 für die Aufnahme selbst. Für die Aufnahmen gibt es einen eigenen Aufnahmeleiter, der in Wien studiert und mit Pierre Boulez gearbeitet hat. Von einer Bruckner-Symphonie werden im ersten Schub 700 bis 1.000 Stück verkauft, was der Vorteil des kleinen Unternehmens ist: Große Companies können so etwas nicht machen, sie müssen ihre Overheads anteilig unterbringen, und da rechnet sich eine Produktion erst ab einem Verkauf von rund 15.000 Stück, bei Gramola hingegen bereits ab 1.500 Stück.

Neben der CD-Produktion ist Gramola auch weltweit auf sechzig Streaming-Plattformen vertreten. Richard Winter hat das Glück, seit 40 Jahren im Vertriebsnetzwerk vom Label NAXOS von Klaus Heymann zu sein und somit weltweit direkt verkaufen zu können. Glücklicherweise wirft die Gramola Global Trading GmbH Winters und seiner Prokuristin seit jeher Gewinn ab.

Seit kurzem gibt es bei Gramola auch eine neue CD-Serie, die sog. „Gramola Ikononen“: Diese Serie maßstabsetzender Aufnahmen soll Einspielungen, die durch ihr Alter nicht mehr im Fokus der musikinteressierten Öffentlichkeit stehen und die andererseits in hervorragender Analogtechnik aufgenommen wurden, vor dem Vergessen bewahren. Erklärtes Ziel ist, wie Richard Winter erklärt, diesen großen Aufnahmen der Tonträgergeschichte wieder den ihnen gebührenden Glanz zu geben. Bereits erhältlich sind Aufnahmen von Pultgrößen wie Ataulfo Agenta mit Berlioz, Herbert von Karajan mit Richard Strauss, Erich Kleiber mit Beethoven, Rafael Kubelik mit Smetana und Fritz Reiner mit Bartok, Dvorak und Mussorgsky.

Richard Winters Kinder, er hat neben dem bereits erwähnten Sohn auch eine Tochter, werden das Geschäft einmal aber nicht weiterführen, weil nach ihm der Mietpreis unverhältnismäßig steigen und in weiterer Folge das Geschäft nicht zu erhalten sein wird. Aber die Gramola Global Trading mit den Eigenproduktionen und dem Streaming wird weiterhin Bestand haben.

Die herrlichen Zeilen von Hugo von Hofmannsthals zu Richard Strauss‘ „Ariadne auf Naxos“ – „Musik ist eine heilige Kunst!“ – gelten vollinhaltlich und uneingeschränkt auch für Richard Winter, der nach Friedrich Nietzsche noch ergänzt: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“

Nach diesem schönen Schlusswort und genau in diesem Sinne mögen uns „Der letzte Mohikaner“ der Schallplattenhändler, Richard Winter, und Gramola am Graben noch viele viele Jahre erhalten bleiben.

Themenschwerpunkte
Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

Kommentare

  1. Edwin Baumgartner

    Besten Dank für dieses großartige Porträt.
    Angesichts dessen, dass Winter sen.s Kinder den Laden nicht weiterführen werden, freue ich mich noch mehr über Hrn. Winters seit Jahrzehnten unverändert gesundes Auftreten. Möge er uns noch lange, lange erhalten bleiben.
    Tatsächlich nämlich ist dieses Klassik-Fachgeschäft mit seiner fachlich kompetenten Beratung, persönlich wie telefonisch, und einem dabei durchaus akzeptablen Preisniveau das beste Argument gegen die Internet-Versandhäuser.

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