„Dirigiere … Elektra wie Mendelssohn: Elfenmusik!“ fordert Richard Strauss selbst in seinen „Zehn goldenen Regeln, einem jungen Kapellmeister ins Stammbuch geschrieben“ – und gerade an diese Zeilen muss man denken, wenn Kirill Petrenko mit seinen Berliner Philharmonikern im Festspielhaus bei den Osterfestspielen Baden-Baden am 23. März 2024 zur Premiere von „Elektra“ antritt. Im tief hinuntergefahrenen Orchestergraben entfaltet sich und ertönt ein formidables Wunder an orchestraler Ausgewogenheit was Balance, Dynamik, Transparenz, Analytik wie Klangeruptionen, wo gefordert, betrifft. Selten hört man das Werk in derartiger Präzision und Strahlkraft im Hinblick auf die Orchesterkultur, dabei deckt ein energiegeladener, entfesselter Petrenko die SängerInnen auf der Bühne nie zu, ja trägt alle nahezu auf Händen. Wunderbar auch, wie Petrenko die Sprache von Hugo von Hofmannsthals genialem Text mit seinem Prachtorchester umzusetzen in der Lage ist und die gewaltige Musik von Richard Strauss in einem stetig wachsenden Sog, in einem ständig mehr und mehr anschwellenden Strom hält: Sprache wie Orchestrierung werden hier zu spannungsgeladenem Musiktheater allererster Güte verdichtet. Es ist nahezu überflüssig zu erwähnen, dass die formidable Orchesterformation in allen Instrumentengruppen bestens aufgestellt ist und alles, was Petrenko vom Pult aus vorgibt, höchst expressiv umzusetzen in der Lage ist. Dergleichen musikalisch Außergewöhnliches hat man bei „Elektra“ lange nicht gehört, zuletzt 2021 bei den Salzburger Festspielen von Franz Welser-Möst mit den Wiener Philharmonikern.
Noch einmal, wohl zum letzten Mal, wird die Atridentochter Elektra bei einer Premiere von der Schwedin Nina Stemme verkörpert. Und die mobilisiert alle ihre stimmlichen Reserven, die ihrem hochdramatischen Sopran zur Verfügung stehen, sogar noch mehr, und hat an diesem Premierenabend noch alles, was für diese extrem fordernde Partie vom Komponisten verlangt wird – Wärme, Schärfe, Kraft, Strahl, Stahl. Als ihre Schwester Chrysothemis schießt die aus Südafrika stammende Elza van den Heever wahrhaft glühende Leuchtraketen ab, über die ihr wunderbar fokussierter, jugendlich-dramatische Sopran verfügt. Die großartige deutsche Sängerinnendarstellerin Michaela Schuster als Klytemnästra gelingt eine fulminante Studie einer kranken Neurotikerin: Ihr Mezzosopran verströmt noch eine gewisse Jugendlichkeit, hier ist keineswegs eine alte Frau zu hören. Als Orest begeistert der Däne Johan Reuter mit großem, markant mächtigem Bariton und der österreichische Charaktertenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke gibt einen beißenden, stimmlich starken Aegisth. Sämtliche kleinen Partien sind rollendeckend adäquat und ohne Schwachstellen besetzt.
Die Regie dieser Neuproduktion wird von Philipp Stölzl und Philipp M. Krenn gemeinsam kreiert, Stölzl ist zudem noch für Bühne und Licht verantwortlich, Kathie Maurer steuert die Kostüme bei, Judith Selenko und Peter Venus gestalten das Video. Was die Inszenierung betrifft, steht bei den beiden Regisseuren – Stölzl kommt von Film wie Bühnenbild, Krenn von Schauspiel und Musik – unangefochten die komplexe Musik im Vordergrund, wenn sie auf der groß dimensionierten Bühne in Baden-Baden intensive, bisweilen beklemmende Seelenbilder entstehen lassen. Dominiert wird die Bühne von einer riesigen, an Stein gemahnenden Holzwand, welche die Stimmen nicht verschluckt, sondern perfekt in den Zuschauerraum reflektiert, sodass im Zusammenwirken mit Petrenkos Orchester alle SängerInnen immer hörbar bleiben und auch die Textverständlichkeit wie Wortdeutlichkeit, was bei Aufführungen dieses Werkes keine Selbstverständlichkeit darstellt, wesentlich deutlicher ausfällt als sonst, auch wenn man den Text auf der Übertitelungsanlage nicht mitliest. Für diese Tatsache verantwortlich ist ein besonders gelungener Regiekniff: Beinahe der gesamte Text wird per Video in das Bühnenbild projiziert, integriert, sodass das Publikum stets auf den Text fokussiert, wird, ja diesem im Grunde gar nicht entgehen kann. Die Bühne selbst hat die Grundform einer Treppe: Enge, kleine Räume können derart genauso wie große entstehen, die Figuren sind in diesen Räumen in Mykene, aus denen es kein Entrinnen gibt, gefangen. Auf den SängerInnen, die in diesen Räumen oft zum Kauern verdammt sind, bisweilen nicht mehr aufrecht stehen können, lasten dabei auch darstellerisch immense Herausforderungen, die von allen jedoch bravourös gemeistert werden. Personenregie wie Personenführung sind über den Maßen gelungen. Zentral für den Regieansatz von Stölzl und Krenn sind die antike Tragödie, die wuchtige, vielschichtige Sprache von Hofmannsthals fin-de-siécle-Libretto und die im morbiden Wien zur Entstehungszeit des Werkes aufkommende Psychoanalyse. Diese drei Ebenen verarbeiten die beiden Regisseure überzeugend in ihrer ganz aus der Musik entwickelten Regiearbeit, sodass zum Auftakt der Osterfestspiele in Baden-Baden überzeugendes, wahrhaftiges Musiktheater in Reinkultur und vom Allerfeinsten zu erleben ist. Als einziger Wermutstropfen bleibt der über Lautsprecher zugespielte, somit leblos steril klingende Chorgesang des von Lukás Vasilek einstudierten Prager Philharmonischen Chores.
Das Premierenpublikum spendet vor allem der musikalischen Seite lautstarke Zustimmung, die Regie wird unverständlicherweise nur mit mattem Applaus bedacht, Missfallenskundgebungen unterbleiben zur Gänze.