NORMA, die wohl bedeutendste Oper – in der Originalbezeichnung eine tragedia lirica – aus der Feder von Vincenzo Bellini mit dem Libretto von Felice Romani nach dem Drama Norma ou L’infanticide von Alexandre Soumet, uraufgeführt 1831 an der Mailänder Scala mit der legendären Sängerin Giuditta Pasta in der Titelrolle, verdankt ihren dauerhaften Erfolg dem vollkommenen Gleichgewicht zwischen musikalischer Schönheit und szenischer Wirkung. Der Erfolg einer Produktion liegt letzten Endes in der Hand der Interpretin der Titelrolle: Wenige Sängerinnen sind dazu berufen, ganz wenige auserwählt, gilt die Partie der Norma doch als eine der schwierigsten und anspruchsvollsten Rollen für eine hohe Frauenstimme und erfordert im Idealfall eine Darstellerin mit großen expressiven Fähigkeiten.
Ursprünglich für das Corona-Jahr 2020 geplant, kommt es jetzt nach fünf Jahren im mittlerweile sanierten Theater an der Wien zum internationalen Rollendebüt von einer großen Sängerdarstellerin unserer Tage, der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian. Normas Auftritt, die berühmte Cavatina „Casta diva“ ringt sie sich förmlich noch ab: Die opaqueverhangenen, ausschwingenden Linien sind nicht wirklich ihre Sache, aber mit welch‘ eiserner Disziplin und ungeheurer Professionalität muss sie doch an dieser Partie gearbeitet haben, vermag sie bereits auch hier mit lyrischem Gesang in Schlichtheit zu überzeugen. Die jeden Zoll fordernde Partie verlangt aber auch höchst dramatische Wirkung und beispiellos erschütternde Emotionalität im Sinne einer bewegenden, berührenden Gestaltung. Und da ist Asmik Grigorian voll in ihrem Element, sei es im beispiellosen Furor des Terzettes mit Adalgisa und Pollione am Ende des ersten Aktes, in der archaischen Wucht des Duettes „In mia man alfin tu sei“ mit Pollione im zweiten Akt sowie im flehentlich gesteigerten Finale. Das erste Duett mit Adalgisa erfüllt sie mit Schöngesang, im zweiten singt sie sich förmlich Herz und Seele aus dem Leib. Nicht so sehr Leichtigkeit und Brillanz bestechen an diesem famosen Rollenporträt, sondern Weite und Expressivität sowie Tiefe und Echtheit des Ausdrucks in voller Intensität. Mit jedem Ton macht sie klar, dass NORMA im Grunde eine ehern antike Tragödie auswegloser Unerbittlichkeit ist, was sie mit der größten Rolleninterpretin aller Zeiten, der großen Griechin Maria Callas, gemein hat.
Dass sich in der Aufführung am 19. Februar 2025 im Theater an der Wien reinstes Musikdrama ereignet, liegt aber auch an den beiden weiteren Hauptrollen. Als Pollione aufgeboten ist der britisch-italienische Tenor Freddie de Tomaso, der sich nach anfänglichen Unsauberheiten mit der dramatischen Verve eines Franco Corelli, an den auch mit seinem metallischen Timbre erinnert, förmlich in die Partie wirft und mit kompromisslos starkem Tenorgesang neben der furiosen Asmik Grigorian besteht. Adalgisa wird vollends überzeugend von der jungen, in der Republik Baschkortostan in der Russischen Föderation geborenen Mezzosopranistin Aigul Akhmetshina gesungen, mit warmem, vollem Stimmorgan, geschmeidig wie kräftig, in allen Lagen ausgewogen. Bassist Tareq Nazmi überzeugt als Oroveso nicht wie mittlerweile gewohnt, Victoria Leshkevich (Clotilde) und Gustavo Charesma (Flavio) runden die Besetzung ab. In der unweit entfernten Wiener Staatsoper startet in den nächsten Tagen ebenso eine Premierenserie von Bellinis NORMA und hat das Theater an der Wien, was die drei Hauptrollen betrifft, weit vorgelegt.
Die drei Protagonisten überstrahlen mit deutlichem Abstand auch alles andere – musikalisch wie szenisch gleichermaßen – an diesem Abend. In Bellinis melosartig schwebenden, italienisch-romantischen Chorgesang fühlt sich auch der wie immer hervorragend präparierte Arnold Schoenberg Chor (Choreinstudierung: Juan Sebastian Acosta) nicht wirklich wohl. Francesco Lanzillotta am Pult der allzu pauschal wie wenig differenziert, bisweilen laut lärmend aufspielenden Wiener Symphoniker gelangt über reines Exekutieren der an Komplexität reichen Partitur Bellinis nicht hinaus.
Für den in Moskau geborenen Regisseur Vasily Barkhatov stellt Norma „eine Wagner-Figur in einer italienischen Liebesgeschichte“ dar, für sie „ist alles heilig und sehr ernst“, „Normas Archaik ist gleichzeitig ihre Stärke und ihre Tragik“ – wie er im Vorfeld der Produktion selbst erklärt. Das Stück spiele sich vor dem Hintergrund eines Wechsels von politischen Systemen ab, was im Libretto festgelegt sei und deshalb auch keine exakte zeitliche Zuordnung benötige. Dementsprechend spielt das von Rom besetzte Gallien für ihn keine Rolle: Seine Regiearbeit versetzt die Handlung in ein Land, in dem eine Revolution – Pollione ist der Revolutionsführer – vor Jahren eine Revolution eine Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse gründlich verändert hat, an die Stelle alter treten neue Götzen. Das neue diktatorische Regime wird vom Volk, das unter seinem Anführer Oroveso zur Rebellion bereit ist und auf ein Zeichen der geistigen Führerin Norma wartet, abgelehnt. Diese Umdeutung der Handlung durch den Regisseur bewirkt jedoch keinerlei Mehrwert, Personenführung und Personenregie geraten statisch und uninspiriert, echte Darstellung ereignet sich nur in Person von Frau Grigorian, welche die beiden anderen Protagonisten in den gemeinsamen Szenen mitzureißen versteht. Der von Szene zu Szene durch Musik und Text gesteigerte Handlungsfluss in Bellinis und Romanis meisterhaft aufgebautem Drama wird immer wieder durch entbehrliche Zwischenvorhänge unterbrochen, ja gestört. Das wenig ansprechende Bühnenbild stammt von Zinovy Margolin, die belanglosen, an Ostblock-Diktaturen erinnernden Kostüme von Olga Shaishmelashvili, wenig stimmig auch das von Alexander Sivaev beigesteuerte Licht.
Donnernde Ovationen vom Publikum gibt es zum Schluss zu Recht für die großartigen Leistungen der Ausnahme-Singschauspielerin Asmik Grigorian, Aigul Akhmetshina und Freddie de Tomaso.