Die große romantische Oper in drei Akten „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ war 1854 die erste in Österreich aufgeführte Oper von Richard Wagner und fand diese Erstaufführung in der steiermärkischen Landeshauptstadt Graz statt. 2024, im Jubiläumsjahr des Hauses – die Oper Graz wurde vor 125 Jahren, im September 1899 eröffnet – gibt es eine Neuinszenierung an diesem Haus, die sich Wagnerianer und an überzeugend spannendem Musiktheater Interessierte nicht entgehen lassen sollten.
Überwiegend Erfreuliches gibt es zunächst von der musikalischen Seite zu berichten. Der seit Beginn der vergangenen Saison amtierende Chefdirigent Vassilis Christopoulos hat hörbar intensiv mit dem Orchester gearbeitet, die Grazer Philharmoniker sind in allen Instrumentengruppen sehr gut aufgestellt, Orchesterkultur und Klang gegenüber den Jahren zuvor extrem verbessert. Vielleicht würde man sich einen etwas üppigeren Streicherklang wünschen, die feinen Linien sind jedoch dem Ansatz kammermusikalischer Durchsichtigkeit des Orchestersatzes geschuldet, wo vor allem betörende Holzbläserfarben und starkes Blech beeindrucken und der Nuancenreichtum von Wagners melodiöser Partitur ganz zur Geltung kommt. Christopoulos musiziert auf Zug, Schleppen kommt nicht einmal ansatzweise auf, die Aufführung am 8. November 2024 gerät kompakt wie aus einem Guss. Das feine Dirigat lässt auch die Stimmen vollends zur Geltung kommen. Hervorragend ausgewogen, plastisch differenziert singt auch der Chor der Oper Graz, ergänzt vom Extrachor der Oper Graz und vom Philharmonia Chor Wien: Johannes Köhler aus Graz und Walter Zeh aus Wien haben beste Arbeit bei der Einstudierung geleistet. Enorme Effekte im Klang, dessen Reizen sich wohl niemand im Publikum entziehen kann, werden auch durch die Positionierung der Fanfaren in den Proszeniumslogen im ersten Rang sowie des Chores im dritten Akt auf der Galerie erzielt.
In der Titelrolle, die zu einer der schwersten und am meisten fordernden Tenorrollen Richard Wagners überhaupt zählt, ist der australische Tenor Samuel Sakker zu erleben. Der in Nordirland lebende, aufstrebende Heldentenor überzeugt mit gekonnter Phrasierung bei kräftigem Stimmorgan und sehr guten Höhen, in den ersten beiden Takten ist sein Vortrag leider durch eine kehlig säuerliche Tongebung und starkem Tremolieren beeinträchtigt, inklusive eines groben Texthängers im Sängerkrieg. Im dritten Akt hat er diese Probleme dann wesentlich besser im Griff und überzeugt vor allem durch eine eindringlich intensive Romerzählung. Aus dem Opernstudio der Wiener Staatsoper ins Grazer Ensemble gekommen ist der ukrainisch-russische Bariton Nikita Ivasechko, der mit seinem warmen, geschmeidigen Bariton als Wolfram von Eschenbach gefällt. Der überaus weiche Vortrag, mit dem er in dieser Rolle auch berühren kann, ist durch zusätzliches Feilen an der deutschen Artikulation noch ausbaufähig. Gewohnt souverän mit starkem, ausnehmend sehr gut geführtem Bass singt und gestaltet Ensemblestütze Winfried Zelinka den Landgrafen Hermann, die kleinen Partien sind allesamt rollendeckend besetzt – Ted Black (Walter von der Vogelweide), Markus Butter (Biterolf), Euiyoung Peter Oh (Heinrich der Schreiber), Willi Frost (Reinmar von Zweter) und Ekaterina Solyuna (Junger Hirt). Die besten Gesangsleistungen des Abends erbringen aber die Frauen. Da ist zunächst Mareike Jankowski, die mit sinnlich kühlem wie voll loderndem Mezzosopran als Venus einnimmt, weshalb es schwer verständlich ist, dass Tannhäuser deren Reich entfliehen möchte. Die stärkste Gesangsleistung des Abends ist jedoch der aus Südafrika stammenden Erica Eloff, derzeit Ensemblemitglied am Musiktheater Linz, zu attestieren, die mit der Rolle der Elisabeth ihr Debüt an der Oper Graz gibt. Soeben im September 2024 mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis in der Kategorie „Beste weibliche Hauptrolle“ ausgezeichnet, schießt sie, ausgestattet mit strahlendem Jubelton, wahre Leuchtraketen in der Hallenarie ab. Minimale Höhenschärfen sind bereits im Duett mit Tannhäuser und im – mit hervorragend fokussiertem Sopran angeführten – Ensemble zum Schluss des zweiten Aktes vergessen. Das Gebet im dritten Akt gerät dann als Krönung ihrer Leistung abgründig bewegend, mit fein abschattierter, ergreifender Tongebung.
Für die Inszenierung zeichnet der 1980 in Kasachstan geborene Schauspieler und Regisseur Evgeny Titov verantwortlich, unterstützt von Christian Schmidt (Bühne), Esther Bialas (Kostüme) und Sebastian Alphons (Licht). Auffallend zwingend ist vor allem die starke Personenregie wie Personenführung Titovs, ungemein nahe am Künstlerdrama orientiert. Tannhäuser erscheint hier im Drogenwahn, den Rausch der Lust überdrüssig, in einer hässlichen, zugeramschten Grotte vorne auf der Bühne vor einer desolaten Halle. Diese Halle erstrahlt dann im zweiten Akt in voller Pracht, um im dritten wieder in düstere Ödnis zu verfallen. Der Venusberg ist in dieser Regiearbeit kein erotisches Paradies, BacchantInnen oder die üblichen kopulierenden Paare fehlen komplett, sondern ein Rückzugsort für den Künstler. Venus ist nicht nur an diesem Ort präsent, sondern allgegenwärtig: Der Hirt, der von Frau Holda (Venus) singt, trägt dasselbe Kostüm wie die Liebesgöttin, ein ungemein geschmackvolles Paillettenkleid. Während des Sängerkrieges erscheint ein Transvestit, dargestellt von Hubert Gressl, im selben Outfit – Tannhäuser wird diese Figur bzw. Vision nicht mehr los. Die Inszenierung ist gewiss im Grunde konventionell, jedoch überzeugend ganz aus der großartigen Musik entwickelt, weshalb sich an der Oper Graz Musiktheater in Reinkultur, kreiert von einem jungen, aufstrebenden Regisseur, erleben lässt. Für den gelungenen szenisch optischen Eindruck verantwortlich sind auch die ästhetischen Kostüme. Ein großes Plus der Inszenierung stellen auch das Fehlen von etwaigen Rahmen- oder Parallelhandlungen und entbehrlichen Choreografien dar, Titov kommt auch ohne Videos aus, dem Regisseur ist summa summarum bestes Regiehandwerk zu attestieren. Graz wird seinem Ruf als Wagner-Stadt mit dieser hörens- wie sehenswerten, uneingeschränkt empfehlenswerten Produktion wieder einmal mehr als gerecht.