Die Hölle als Sado-Maso-Keller: Tobias Kratzer mit Weinbergers „Schwanda“ in Wien

Schwanda Weinberger MusikTheater an der Wien Kratzer Popelka
Andrè Schuen (Schwanda) und Ester Pavlu (Eiskönigin) © Matthias Baus

Das MusikTheater an der Wien bleibt seinem Konzept treu und setzt weiterhin auf Raritäten im Spielplan. Damit ist immer wieder für Spannung als auch für Diskussionsstoff gesorgt – so auch mit der nächsten Neuproduktion, die am 18. November 2023 in der Halle E im Museumsquartier über die Bühne ging: Gespielt wird aktuell die im April 1927 in Prag uraufgeführte Volksoper in zwei Akten „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ mit der Musik von Jaromír Weinberger mit dem Libretto von Milos Kares, ein einst höchst erfolgreiches Werk, das im Nationalsozialismus jedoch von den Spielplänen verbannt wurde.

Dass sich das Stück, das in den vergangenen Jahren eine Wiederbelebung erlebte, es gab Produktionen in Berlin, Graz und Prag, nicht wirklich in den Spielplänen etablieren wird, liegt wahrscheinlich zum einen in der deutschen Übertragung wie Adaptierung von Max Brod, die eher durch einen mitunter banal lächerlichen Text auffällt als durch literarisch hochwertige Verse, zum anderen an der wenig dramatische Gesangslinien entfaltenden Musik. Die Partitur selbst, wo Elemente der Kunst- und Volksmusik verschmelzen, klingt interessant, scheinbar folkloristische Elemente lassen an Originalstücke denken, die Höhe von Smetana, Dvorak oder Janácek erreicht Weinberger allerdings nicht. Nahezu sensationell ist aber die Umsetzung der eigenartigen Partitur durch den designierten neuen Chefdirigenten am Pult der Wiener Symphoniker, Petr Popelka. Der trifft den Tonfall der Musik höchst präzise auf den Punkt, sodass die vielen rein instrumentalen Abschnitte des Abends, wo Popelka das hervorragend aufgestellte Orchester unter seiner straffen Führung blühen und schwelgen lässt, zu den Höhepunkten des Premierenabends geraten. Auch ist er ein feiner Begleiter, sodass die SängerInnen nie in den Orchesterwogen ertrinken.

Auch die Besetzung im Ausweichquartier im Museumsquartier – ein Lob gebührt den Tonakustikern, welche die heiklen Voraussetzungen in diesem nicht für Musiktheater geschaffenen Raum immer besser und besser in den Griff bekommen – kann sich hören lassen. Kresimir Strazanac stattet den Teufel mit imposantem Bariton aus, der Magier von Sorin Coliban könnte mehr an Bassstärke wie -schwärze vertragen, Ester Pavlu besticht optisch als Eiskönigin, ihr groß ausladender Mezzo neigt jedoch zum Tremolieren. Pavol Breslik singt den Babinsky mit lyrischer Tenoremphase, wird im Verlauf des Abends geschmeidiger und dramatischer. Als Dorota gefällt Vera-Lotte Boecker mit leicht zum Forcieren neigendem, lyrischen Sopran, kämpft auch stimmlich hingebungsvoll um ihren Schwanda. Sängerisch das Glanzlicht des Abends setzt aber André Schuen in der für einen Bariton sehr hoch gelegenen Titelpartie: Ausgestattet mit der hervorragenden Diktion des Liedsängers wie mit extremer Wortdeutlichkeit, singt er die Partie ganz auf Linie, wunderbar fokussiert, mit dramatischem Impetus, basierend auf immer reicher werdendem Stimmfundament. Der Arnold Schoenberg Chor, von Juan Sebastian Acosta einstudiert, steuert den Chorpart in der gewohnten Souveränität bei.

Bei der Wahl des Regisseurs für diese Neuproduktion hat Intendant Stefan Herheim, der nie durchgehen lassen würde, dass gegen die Musik inszeniert wird, wiederum eine glückliche Hand bewiesen. RING AWARD 2008 Gewinner, FAUST-Preisträger und Opernregisseur des Jahres 2022 sowie Intendant der Hamburgischen Staatsoper ab 2025, Tobias Kratzer, setzt bei seiner Regiearbeit auf eine gewisse, in diesem Fall aber werkdienliche Dekonstruktion des Stückes, worin für ihn vieles nicht jugendfrei ist. Bei Kratzer ist die volkstümliche Handlung, die in die aktuelle Zeit verlegt wird, eine Art Entwicklungsgeschichte von Einem der aus der häuslichen Enge auszog, um die große weite Welt zu sehen, dabei Verführungen und Verlockungen ausgesetzt ist und zu bestehen hat. Inspiriert von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ und Stanley Kubricks Streifen „Eyes Wide Shut“, wo ein Paar subtile erotische Verstrickungen erlebt, und sich in seiner Beziehung neu finden wie neu definieren muss, gelingt Kratzer – unterstützt von Rainer Sellmaier (Ausstattung), Michael Bauer (Licht) sowie Jonas Dahl und Manuel Braun (Video), stroboskopische Effekte werden von diesen nicht ausgespart – vor allem im ersten Akt eine cinemascopeartige, filmisch anmutende Inszenierung mit psychologisch fundierter Personenregie; lediglich im zweiten Akt gerät die Ansiedelung der Hölle in einem Sado-Maso-Keller ein wenig platt, da wäre etwas weniger deutlich mehr gewesen. Fulminant gerät aber seine Personenführung – nicht nur der ProtagonistInnen, vor allem des Chores und der Statisterie des MusikTheaters an der Wien, welche die mitunter extreme Kostümierung nicht zu scheuen scheinen. Die Darstellungen sexueller Inhalte auf der Bühne sind simuliert und wurden mit höchstem Respekt sowie mit fachkundiger Unterstützung einer Intimitätskoordinatorin umgesetzt. So weit, so gut. Das Regiehandwerk Kratzers besticht aber nach wie vor, man darf sich auf nächste Aufgaben wie Bartoks „Blaubart“ in Oslo und Wagners „Ring“ in München freuen.

Das Premierenpublikum spendet allen Beteiligten uneingeschränkten Beifall und jubelt lautstark völlig zu Recht beim Erscheinen der Herren Schuen und Popelka.

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Portait Thomas Rauchenwald
Thomas Rauchenwald
Autor des Blogs „Simply Classic“

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