Das diesjährige Europakonzert der Berliner Philharmoniker findet am 1. Mai 2024 unter freiem Himmel auf dem Landgut Tsinandali in Georgien statt und wird zuvor dasselbe Programm auch in der Berliner Philharmonie am 26. April 2024 gespielt. Nachdem Daniel Barenboim seine Dirigate der Konzerte aus gesundheitlichen Gründen leider absagen musste, ist Daniel Harding bei unverändertem Programm kurzfristig eingesprungen.
Nach einer federnden, duftig leichten Ouvertüre zu Die Zauberharfe, Melodram in drei Akten D 644 von Franz Schubert erklingt im ersten Teil des Konzertes das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77 von Johannes Brahms mit der aus Georgien stammenden, in Deutschland lebenden Lisa Batiashvili als Solistin. Groß, ungemein differenziert ist ihr voller Geigenton, den sie ihrem herrlichen Instrument, einer Violine aus dem Jahre 1739 von Joseph Guarneri „del Gesú“, entlockt. Den höchsten Anforderungen des schwierigen Werkes, was Tonreinheit und Ausdrucksvermögen betrifft, wird sie souverän gerecht, ebenso den lichten Stimmungen des Brahms zweiter Symphonie verwandten Werkes, das romantische Empfindsamkeit mit klassischem Formgefühl vereint. Mit viel Gefühl bringt sie ihre Violine zum Singen; Leidenschaft, Freude, zwischendurch ein wenig Melancholie und auch Zartheit prägen diese Interpretation, die in wunderbarem Einklang mit Dirigenten und Orchester steht. Als Besonderheit spielt die Violinistin die Solo-Kadenz von Ferruccio Busoni, nicht die ansonsten übliche von Joseph Joachim, dem das Konzert auch gewidmet ist. Nach dem Jubel des Publikums bedankt sich Lisa Batiashvili mit einer Zugabe von Johann Sebastian Bach.
Nach der Pause dann die Symphonie Nr. 5 c-moll op. 67 von Ludwig van Beethoven. „Wie führt diese wundervolle Komposition in einem fort und fortsteigenden Climax den Zuhörer unwiderstehlich fort in das Geisterreich des Unendlichen.“ schrieb E.T.A. Hoffmann 1813 über das Werk, das wohl als einer der Inbegriffe klassischer Musik überhaupt gilt. Forsch, permanent vorwärtsdrängend, mit nicht allzu großer Besetzung und vibratoarmem Spiel peitscht Daniel Harding das bei seinem Konzept freudig mitgehende Orchester durch das Werk. Starke Akzente gehen vom Pult aus und werden vom Orchester mit Leidenschaft umgesetzt. Der marschähnliche Beginn des Finalsatzes mag zwar ein wenig zu schnell im Tempo sein, Wirkung macht dieser Parforceritt durch die Klüfte Beethovens allemal, sodass auch am Schluss das Publikum in der präsenten Akustik der Berliner Philharmonie mit zustimmendem Applaus für die Ausführenden nicht geizt.